Samstag, 14. Februar 2015

Elly Kaltbach
 Susann Blum


Wer ist Elly?

Ich durfte einen spannenden, traurigen und hoffnungsfrohen Roman lesen. Diesen Roman zu lesen hat mir viel Spaß bereitet. Er ist flott geschrieben, achtet und respektiert alle Leser mit einem ungemein angenehmen Schreibstil, der so flüssig daherkommt, das eins das Gefühl hat, nicht das Buch zu lesen, sondern vielmehr, dass das Buch in einen hineinfließt.

Drei Jugendliche und ein Kind fliehen aus einer gewalttätigen und unterdrückenden Welt (repräsentiert durch das Ehepaar Bling) um in Freiheit und Selbstbestimmung das eigene Leben gestalten zu können. Sie wissen nicht, was konkret das zu bedeuten hat und wie das zu erreichen ist und sie tun es. Davon erzählt die Geschichte.

Über den Anfang des Buches hinaus zu kommen fiel mir schwer. Das Dasein von Elly, Lenny und Freya bei den Blings empfand ich als schrecklich. Genau zu wissen, nichts anderem als Demütigung und Gewalt ausgesetzt zu sein, keinerlei Möglichkeit der Gegenwehr: In mir erzeugte das ein so negatives Gefühl, zu dessen Beschreibung mir die Adjektive fehlen.

Die Flucht gelang.  Die sehr kurze Zeit der Vorbereitung haben Lenny und Freya gut genutzt. Die Vorbereitungen ergaben einen ausreichend großen Vorsprung vor den Verfolgern. Die ersten Schritte in der und in die Freiheit sind verbunden mit enorm viel Mühsal und Entbehrungen und Rückschlägen. Das Schicksal hat kein Problem damit, Menschen feixend ins Gesicht zu grinsen.

Im Laufe des Lesens passierte es mir einige Male, Metaphern aufspüren zu wollen. So recht gelang es mir nicht und mein Beschluss, das erst einmal beiseite zu schieben und mich einfach nur dem Lesevergnügen hinzugeben, empfand ich als eine gute Entscheidung. Jetzt schreibe ich zu dem Buch mit dem Wissen, es doch noch nicht wirklich durchdrungen zu haben.

Lenny ist der in sich gekehrte Denker. Er vermag es, sich selber Wissen anzueignen und es auch anwenden zu können. Demütigungen, Gewalt und Folter deformierten sein emotionales Selbst, worüber er sich auch selbst im Klaren ist. Seine Gedankenwelt und sein Inneres sind stärker als das alles. Er denkt, findet Lösungen und handelt. Lenny ist ein starker Mensch. Seine Stärke (mir ist nicht klar geworden, ob er sich selber seiner Stärke bewusst ist) führen bei ihm zu keinem Hype. Er bleibt mit den Füßen auf dem Boden, sieht und ergreift das Notwendige. Und er ist in der Lage zu lieben, auf seine Weise.

Freya. Freya funktioniert in diesem Roman nicht ohne Loris, unabhängig davon, dass sich im Nachhinein herausstellt, dass sie Geschwister sind. Sie ist strukturiert, arbeitet viel und ich möchte meinen, auch gerne. Sie ist äußerst pflichtbewusst, hat sie doch die Aufgabe, sich um das Wohlergehen eines Kindes zu kümmern. Aufgaben dieser Art, werden sie ernst genommen, führen oft dazu, die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen. Ihre praktische Veranlagung führt zu einer verbesserten Lage der Gruppe insgesamt. Ohne Loris fände ich die Darstellung und Motivation der Figur Freya recht schwierig. Und damit ist für mich auch Loris Rolle beschrieben.

Pietro ist eine Frohnatur. Diese Menschen möchten wir um uns haben. Sie hören zu, sie fordern nichts und wenn sie etwas nicht in Worte fassen können oder wollen, nehmen sie dich einfach in den Arm. Pietro ist der Balsam in dieser Gruppe.

Die Blings: Böse, zynisch, gewalttätig, das Leben nicht leben könnend. Was ich bereits eingangs beschrieb: Menschen dieser Art gruseln mich. Ich hatte mir die Frage gestellt, ob das wohl immer so schlimme Menschen waren. Zu dem Bling fiel mir nichts ein. Aber die Bling: Mit Vornamen heißt sie Eleonore und mit Eleonore verbinde ich ganz subjektiv schöne Menschen. Der Vorname wurde genannt im Zusammenhang mit dem Kümmern um die Kinder nach der Felsenprengung. Sie kümmerte sich liebevoll um die geretteten Kinder Elly und Lenny. Meine Antwort, was das Umschwenken auf Niedertracht angeht ist, dass sie dem Druck der sich aus Verstecken, Gier und Entdeckt werden ergibt, nicht stand halten konnte und über keine entsprechende Handlungskompetenz verfügte, um zu einer für alle angenehmen Lösung zu kommen.

Zwei Szenen in diesem Buch haben es mir besonders angetan.
Elly und Lenny erfahren, dass sie keine Geschwister sind und ihre Zuneigung zueinander führte zur körperlichen Liebe. Die Beschreibung dieses Ereignisses empfand ich als überaus einfühlsam, schön und auch erregend. Die Authentizität kann ich nicht beurteilen, da es von Elly beschrieben wurde. Für mich las es sich allerdings sehr authentisch. Offenbar gelingt es auch nur Romanen, sexuelle Verbalisierungen akzeptabel erscheinen zu lassen.

Elly geht auf den potenziellen Erpresser zu und legt alles offen, was sie zuvor niemals einem Menschen gegenüber getan hat. Sie rettet Lenny. An diesem Ereignis beeindruckt mich die Ehrlichkeit. Damit kann ich mich absolut identifizieren. So übel Dinge im Leben sein können, so sehr ist es meine Überzeugung und Erfahrung, dass allein Ehrlichkeit – mit allen Konsequenzen – Freiheit bedeutet.

Wer ist Elly denn nun?
Elly ist die Hauptfigur in diesem Roman. Sie ist auf das Leben emotional positiv eingestimmt. Nach ihrer Flucht aus Demütigung und Gewalt ist sie neugierig auf das Leben, auf das, was sie umgibt, was sie fühlt, was sie meint zu sehen. Sie ist ein Gefühlsmensch. Sie hat Visionen, auf die ich nicht eingegangen bin, weil das etwas ist, das sich mir so gar nicht erschließt.

Elly ist das Leben. Unsere Sozialisation legt auch uns Fesseln an. Allein schon, weil es nicht möglich ist innerhalb einer Erziehung alle Aspekte des Lebens zu berücksichtigen. Wenn wir so weit sind, alleine unser Leben zu gestalten, eigene und selbstgewählte Schritte zu tun – in die Freiheit und möglicherweise in Abhängigkeiten – werden auch wir lernen müssen, dass niemand auf uns gewartet hat, dass es Rückschläge gibt.  Wirklich sicher sind wir nur in uns selber und bei Menschen, von denen wir wissen, dass sie uns wohl gesonnen sind. Menschen dieser Art zu finden halte ich für eine Lebensaufgabe.



Das Buch bietet noch so viel mehr Aspekte, über die ich noch nachdenken muss. Ich denke nicht, dass es einer Fortsetzung bedarf. Alles, was gesagt werden musste, wurde geschrieben. Jetzt ist Nachdenken angesagt.

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