Samstag, 20. Juni 2015

Belügen mich meine Analogien?

Assoziationen sind eine Leidenschaft von mir; sie finden ständig in mir statt. Gerade Erlebtes vergleiche ich mit vorhandenen Erfahrungen. Seit dem ich mir das mal bewusst gemacht habe, ist mir aufgefallen, dass ich bewerte und einschätze und das meistens recht unbewusst. Das irritiert mich. Wenn ich etwas bewusst tue, bewusst nachdenke, kann ich Fehler und / oder Lücken in meinen Betrachtungen finden und aktiv korrigieren und ergänzen. Übernimmt das Unbewusste die Kontrolle, bin ich außen vor und es passiert irgendetwas, das affirmativ wirkt. Das kann gut sein oder auch nicht.

Seit geraumer Zeit begegne ich morgens beim Joggen einem Flaschensammler auf meiner Strecke. Das sind Menschen, die u.a. auch in Müllbehältern nach weggeworfenen Flaschen suchen, auf die es Pfand gibt. Für eine Flasche gibt es 8 Cent, für eine Aluminium-Getränkedose sind es immerhin 25 Cent. Die Pfandpflicht auf diese Produkte hat dazu geführt, dass sie nur noch spärlich einfach so in die Gegend weggeworfen werden.

Dieser Mensch also ist genauso früh unterwegs wie ich und sammelt Flaschen ein. Mein erster unbedachter Gedanke dazu war, dass er wohl ein ALG II-Empfänger sein müsse, der seine staatliche Unterstützung aufbessern will. Jedes Mal wenn wir uns begegnen, vermeide ich es, ihn genauer anzusehen. Im Vorbeirennen und aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich, dass er normal leger gekleidet ist wie viele von uns, wie auch ich, nichts Abgerissenes, nichts Verschmutztes.

Warum nur war mein erster Gedanke, dass es sich um einen ALG II-Empfänger handelt? Was er tatsächlich ist, weiß ich überhaupt nicht; nie sprach ich mit ihm, geschweige denn hatte ihm Fragen gestellt. Er könnte doch auch ein strunz-reicher Mensch sein, der einfach nur noch mehr haben will.

Meine Bewertung zu diesem Menschen ergibt sich aus meinen Analogien. Menschen, die im Müll nach noch Brauchbarem suchen, haben kein oder zu wenig Geld für ihren Lebensunterhalt. In der Mehrzahl der Fälle ist das sicherlich auch so. Bemerkenswert für mich ist dabei, dass meine Analogien mein Denken und Bewusstsein fixieren, mich quasi gedanklich führen. Dem kann ich nur entgegen treten, indem ich aktiv reflektiere. Ich frage mich nur, wie oft ich das nicht tue, weil ich mehr oder weniger bewusstlos durch die Gegend laufe und mich durch permanent unbewusste Analogien belügen lasse oder Menschen und Situationen falsch bewerte aufgrund fehlender Informationen? Ich habe das unangenehme Gefühl, dass in jede meiner Wissenslücken sofort eine Analogie springt und sich dort so lange austobt, bis ich selber genau hinschaue und sie dann mit genauem Wissen einfach mal erschlage oder ihr gegebenenfalls zustimme.

Ob ich wohl diesen Menschen einfach mal frage?




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen