Sonntag, 23. August 2015

Hacking the System

Meine Großväter habe ich leider niemals kennen lernen können. Sie waren bereits beide vor meiner Geburt verstorben.

Beide Großväter lebten in einer Zeit, in der sie gestandene Männer waren, für ihre Familien sorgten und der Regierungschef Hitler hieß.

Die Weimarer Republik brachte sehr viele Parteien und Gruppierungen hervor. Die einen wollten die Republik und Gerechtigkeit („der gerechte Lohn“) für die arbeitenden Menschen. Andere wollten die Republik zerschmettern und zurück ins Kaiserreich. Die Weimarer Republik kam politisch gesehen, nie ins Reine mit sich selber.

Es gab z.B. die Deutsche Arbeiterpartei, DAP. Sie verfolgte ihrem Namen entsprechend die Interessen der arbeitenden Bevölkerung. Diese Partei war klein und eher unbedeutend im politischen Geschehen, wie viele andere auch. Der Gefreite und Postkartenmaler Adolf Hitler trat als 55. Mitglied in diese Partei ein. Er profilierte sich und seiner ganz genauen politischen Richtung wohl noch nicht so ganz klar nannte er die Partei um: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, die NSDAP, die Nazis also. Zur damaligen Zeit hatte natürlich niemand ein Problem mit dieser Parteibezeichnung.

Die Weimarer Republik wurde ins kalte Wasser der Demokratie geschubst und wenige Beteiligte konnten damit entsprechend umgehen. Statt Argumente auszutauschen haute eins sich lieber. Die ganz Extremen bildeten sogar parteieigene Schutzeinheiten, damit der entsprechende Redner auf Versammlungen ungestört polemisieren konnte.
Extrem verfeindet waren die Kommunisten in Form der KPD und die Nazis als NSDAP. Funfact: Vergleicht eins die Parteiprogramme dieser so diametral gegenüberstehenden Parteien, würde sehr leicht erkennbar sein, dass diese Parteien aufgrund ihrer Programmatik sehr gut hätten koalieren können; aber das nur so am Rande.

Mein Großvater mütterlichseits interessierte sich für Politik und er wollte mit dabei sein. Er war Arbeiter, hatte sozialistische Ideen und Deutschland war ihm nicht unwichtig. Damit seine Leute ungestört ihre Ideen in Versammlungen kund tun konnten, war es ihm wichtig, sie zu schützen. Er beteiligte sich also an dem Saalschutz, der heute fast nur noch unter dem Kürzel SA (Sturmabteilung) bekannt ist.

Mein Großvater hatte niemals mit dem Denken aufgehört. Er vernahm, was gesagt wurde, interpretierte es und zog Schlüsse daraus. Eines Tages erwähnte er gegenüber meiner Großmutter, dass alles, was Hitler will, Krieg ist. Dabei wolle er nicht mitmachen.

Da bist du also in Nazi-Deutschland SA-Soldat und willst aussteigen. Mit einer reinen formellen Kündigung hätte das damals einfach nicht funktioniert. Die entstandenen Restriktionen für sich und der eigenen Familie wären unausdenkbar gewesen.

So toll, wie die Nazis alles erfasst, aufgeschrieben und organisiert haben, waren sie es nicht in allen Punkten. Mein Großvater zog mit seiner Familie in einen anderen Stadtteil und gab bei der Behörde nicht mehr an, dass er zur SA gehört. Diese Simplizität hat funktioniert und ist kaum zu glauben.

Die SA-Uniform tauschte mein Großvater gegen Nützliches.





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