Samstag, 12. März 2016

Eine Bahnfahrt, die nie statt fand

Der Zug war pünktlich, ich stieg ein, meinen Rucksack vor mich her tragend auf der Suche nach einem Platz für mich. Eine Platzreservierung gab es nicht und ich wusste nicht, ob aus Nachlässigkeit oder weil ich spekulierte, dass das nicht nötig sei. Sei es drum, ich fand einen Platz in einem Abteil, in dem nur eine Person saß.

Ich wuchtete mein Gepäck in die dafür vorgesehene Ablage, setzte mich und begann in meinem mitgeführten Buch zu lesen.

So wirklich entspannt lesen gelang mir nicht; immer und immer wieder schaute ich auf den Menschen, mit dem ich das Abteil für eine zeitlang teilte.

Das Gefühl in mir, dass dieser Mensch das bemerkt und mich seltsam finden könnte, bewirkte eine Aktion in mir.

„Entschuldigen Sie bitte. Bevor ich Sie noch länger aus dem Augenwinkel anstarre, möchte ich Sie lieber doch direkt ansprechen. Sie sehen aus wie Hagen Rether.“

Der Mensch schaute zu mir herüber, schaute mich an.
„Das könnte daran liegen, dass ich Hagen Rether bin.“

„Wow“ mehr konnte ich erst einmal nicht sagen.

„Offenbar beeindruckt Sie es, dass ich ich bin, nur dazu gibt es keinen Grund.“

„Doch, ich bin neidisch auf Sie.“

„Warum?“

„Sie sind offenbar in der Lage, Ihren Lebensunterhalt dadurch bestreiten zu können, dass Sie vielen Menschen Wahrheiten ins Gesicht sagen. Das würde ich auch gerne tun.“

„Ja, dann mach doch.“

Und irgendwann kam ich an mein Reiseziel an, stieg aus und dachte nach. Und ich denke jetzt noch nach.


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